Wie unser Projekt „Regional vernetzt“ startet
Aller Anfang ist ein Suchen – und manchmal beginnt er mit einem zufälligen Gespräch an einem Tisch in Berlin.
Wie wir zueinander fanden
Die Wurzeln unseres Projekts reichen einige Jahre zurück. Beatrix Evers-Grewe (Vorstandsmitglied der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, DMtG e.V.) saß auf einer Veranstaltung in Berlin am Tisch mit Franz-Josef Wagner, dem Vorsitzenden des Bundesnetzwerks Selbsthilfe Seelische Gesundheit (NetzG e.V.). Als sie ihm von Kultips und der Idee für ein Folgeprojekt erzählte, zögerte er nicht lange und verwies sie direkt an mich.
Seit dieser Zeit sind wir in Verbindung, Beatrix hat mehrere Anträge eingereicht. In der finalen Runde wurde das Team um Anna Raettig als organisatorische Projektleitung erweitert, und der umfangreiche Antrag zusammen noch einmal im Detail ausgearbeitet. Anschließend haben wir alle gebangt.
Das Warten hat sich gelohnt: Zum 1. Januar 2026 hat die Aktion Mensch unseren Antrag bewilligt! Die Prämisse der Förderung lautet allerdings: Nicht sofort bundesweit agieren, sondern die Idee zuerst als Modellprojekt „Regional vernetzt“ in Bremen aufbauen. Und genau an diesem Startpunkt stehen wir nun.
Unser Fundament:
Was wir in Bremen vorhaben
Unser Ziel ist es, die kulturelle Teilhabe von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen spürbar zu erleichtern. Dass es hier großen Handlungsbedarf gibt, haben uns frühere Projekte gezeigt.
In Bremen fangen wir zum Glück nicht bei null an. Unsere Recherche im Bereich der Eingliederungshilfe hat gezeigt, dass die Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V. (IZSR e.V.) die Zielgruppe bereits stadtweit auf vielfältige Weise unterstützt und vernetzt. Gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort – wie Fokus und dem IZSR e.V., in Person vertreten durch Christian Schnepf als weiteres Mitglied in unserem Team, der uns vor Ort bekannt macht und vertritt – wollen wir auf diesen bestehenden Strukturen aufbauen. Uns ist es ein wichtiges Anliegen, im Laufe des Projekts Verbindungen zu bewährten Bremer Akteuren der inklusiven Kulturlandschaft zu knüpfen, wie etwa dem Blaumeier Atelier oder der VHS Bremen.
Mit Geduld und Einfühlsamkeit:
Kultur da abholen, wo Menschen sind
Wir wissen, dass der Weg zu Kulturveranstaltungen für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen oft mit großen Hürden verbunden ist. Wenn Ängste oder Depressionen den Alltag bestimmen, ist schon das Verlassen der eigenen Wohnung eine enorme Herausforderung.
Deshalb gehen wir diesen Weg sehr behutsam, geduldig und einfühlsam. Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sich sicher fühlen:
Digitale Brücken bauen: Mit niedrigschwelligen Online-Angeboten schaffen wir einen geschützten Raum für erste Kontakte und gemeinsame Erlebnisse von zu Hause aus.
Schritt für Schritt nach draußen: Erst wenn Vertrauen gewachsen ist, begleiten wir den Übergang zu Aktivitäten vor Ort in einem sicheren, begleiteten Rahmen.
Veranstalter sensibilisieren: Inklusion gelingt nur, wenn auch die Kulturschaffenden Barrieren im Kopf abbauen. Wir möchten Kultureinrichtungen und Veranstaltern das nötige Einfühlungsvermögen und Wissen an die Hand geben, damit sie sensible Räume schaffen, in denen sich alle willkommen und sicher fühlen können.
Betroffene als Expert*innen:
Wir arbeiten auf Augenhöhe
Betroffene sind bei uns keine passiven Teilnehmenden, sondern die Expert*innen. Sie werden von Anfang an aktiv in die Planung, Durchführung und Auswertung einbezogen. Ein eigener Beirat aus Betroffenen, geleitet von einem Mitglied des NetzG, sorgt dafür, dass wir konsequent aus der Perspektive der Zielgruppe heraus agieren. Wir wollen gemeinsam ausloten:
- Welche kulturellen Bedürfnisse sind noch unerfüllt?
- Welche Angebote sind schlicht zu unbekannt und werden deshalb kaum genutzt?
- Wie können vorhandene Strukturen bei Bedarf umgestaltet werden?
Unsere Werkzeuge:
Behutsame Fragebögen und Barrierefreiheit im Kopf
Diese sensible Herangehensweise spiegelt sich auch in unseren ersten ganz praktischen Schritten wider – zum Beispiel bei der Gestaltung unserer Fragebögen. Uns war wichtig, dass diese Befragung keinen Druck erzeugt. Die Fragen sind so formuliert, dass sie Raum für Zwischentöne lassen und die individuellen Belastungsgrenzen der Teilnehmenden respektieren. Es geht nicht darum, Defizite abzufragen, sondern behutsam Wünsche und Sehnsüchte zu erkunden.
Eng damit verbunden ist unsere intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Einfache Sprache. Wir haben uns intensiv gefragt: Hilft sie in unserem Kontext wirklich allen weiter, oder ist sie primär für Menschen mit geistigen Behinderungen passend? Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen fühlen sich durch extrem vereinfachte Texte manchmal unterfordert oder nicht ernst genommen. Gleichzeitig können lange, verschachtelte Sätze in Phasen akuter psychischer Belastung oder Konzentrationsschwäche eine unüberwindbare Barriere sein. Unsere Entscheidung für das Projekt lautet daher: Wir setzen auf eine klare, verständliche und empathische Sprache auf Augenhöhe – barrierefrei im Denken, aber immer respektvoll und nah am Menschen.
Der Blick nach vorn:
Erfahrungen teilen
Christian Schnepf, unsere regionale Koordination der Initiative wird vor Ort den schrittweisen Ausbau des Netzwerks und die geplanten Veranstaltungen organisieren. Dabei handeln wir nicht nach starren Plänen, sondern reagieren flexibel auf die Bedürfnisse, die sich im Fortgang des Projektes zeigen.
Unsere Erfahrungen, Berichte und Informationen wollen wir im Laufe der Zeit über die Webseite Kultips.de zur Verfügung stellen, damit unser Weg auch für andere Regionen als praktisches Beispiel dienen kann. Geplant ist zudem, erprobte Schulungsmodule zu verschriftlichen und die Ergebnisse am Projektende auf dem DGPPN-Kongress in Berlin vorzustellen.
Wir freuen uns sehr auf diesen gemeinsamen Weg und darauf, die Entwicklung dieses Projekts Schritt für Schritt zu begleiten!

Daniela Schmid


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